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Area Composing

 

Bild – Klang – Ort

Das sind die drei Komponenten von Area Composing. Das Bild bewegt sich sehr langsam, ein Ineinanderfließen bewegungsunscharfer und hyperscharfer Fotografien, ein Liquid Image. Der Klang ist alles je Gehörte neu komponiert, eine Landschaft aus Tönen, Geräuschen, Stimmen, Musik, ein Soundscape. Der Ort der Aufführung ist idealerweise der Ort der Entstehung von Bildern und Klängen, ein Raum, ein Gebäude, ein Kunstobjekt, auf das das Bild passgenau gemappt wird. So entsteht Interaktion zwischen Bild und Klang und Ort – und Publikum.

 

Bild – Liquid Image

Fotografien geraten in Bewegung, kommunizieren miteinander, gehen eine Verbindung ein. Die langsame, scheinbar unmerkliche Veränderung vertieft den Blick. Das Erkennen des Einzelbildes ist nicht mehr wichtig. Statt dessen: Assoziationen, Emotionen, neue Wahrnehmungen.

Gibt es ein Drehbuch für ein Area Composing?

Am Anfang steht die Konzeption. Sie ist kein festes Drehbuch, sondern eine inhaltliche Auseinandersetzung, eine erste Annäherung an den Ort. Sie gibt mir Orientierung, lässt aber auch vieles offen. Der Akt des Fotografierens ist ein gesteuerter, absichtsvoller Prozess, der aber das Unbeabsichtigte und Unvorhergesehene zulässt, ja sogar herausfordert. Die Kamera wird zu einem Teil von mir, ein erweiterter Sinn. So erspüre und erfasse ich den Ort und bewege mich darin.

Was ist das Besondere an Deinen Fotografien?

In dieser Bewegung, in diesem einmaligen Moment des Fotografierens entstehen Bilder mit gleichzeitiger Schärfe und Unschärfe, wie sie das menschliche Auge ohne den Kamerablick gar nicht wahrnehmen könnte. Dieses andere Sehen führt zu einer Vertiefung der Wahrnehmung, die sich in der Komposition des Liquid Image fortsetzt.

Wie gehst Du bei der Komposition vor?

Bei der Auswahl der Bilder und der Festlegung ihrer Abfolge orientiere ich mich an formalen Kriterien, die ich entsprechend der Konzeption definiere. Doch dies ist nur die Basis. Das Komponieren ist eine Art schöpferische Reise, auf der ich innerlich an den Ort zurückkehre. Sie endet erst, wenn jedes Bild seinen stimmigen Platz gefunden hat. Beim Sichten der Fotografien kann es passieren, dass ich ganz neue Facetten entdecke, die sich in den Bildern manifestiert haben. Ich habe ihnen nichts hinzuzufügen.

Sind die einzelnen Bilder im Area Composing überhaupt zu sehen?

Eigentlich nicht. Durch den technischen Prozess der Überblendung kommunizieren die Fotografien miteinander, verschmelzen und erzeugen neue Bilder. Sie folgen meiner Komposition und doch offenbaren sie in ihrem Zusammenspiel ganz neue Wirklichkeiten; gesteuerter Zufall. Es ist jedes Mal ein sehr spannender Moment, wenn ich die Rohfassung des Liquid Image zum ersten Mal sehe.

Welche Wirkung hat die Überblendung der Bilder?

Das extrem langsame Ineinanderfließen der Bilder führt dazu, dass das Auge die scheinbar unmerklichen Veränderungen nicht auf einmal erfassen kann und immer wieder neue Details entdeckt. Der Blick wandert, kann sich an nichts festhalten. Der Zuschauer braucht ein paar Minuten bis er versteht, dass er das gar nicht soll. Dann kann er sich zurücklehnen und es einfach zulassen; ein tiefer Moment der Entspannung und Entschleunigung, der aber ohne den Klang des Area Composing nicht entstehen könnte.

Ein Liquid Image ist also ohne Klang gar nicht denkbar?

Nein. Bild und Klang sind beim Area Composing untrennbar miteinander verbunden. Sie vermischen sich im Kopf des Betrachters zu einem Klangbild; seine ganz persönliche Wahrnehmung dieses einen Moments. Bei jedem erneuten Betrachten entstehen wieder neue Klangbilder, je nachdem, was Auge und Ohr erfassen und in der kognitiven und emotionalen Vorstellungskraft des Betrachters auslösen.

Klang – Soundscape

Töne, Melodien, Geräusche, Stimmen, Klänge vermischen sich zum Sound des Ortes, erschließen ihn auf neue Weise. Visuelle und akustische Wahrnehmung verweben sich untrennbar. Jetzt erst wird der Ort in seiner Ganzheit fassbar. Er öffnet sich dem Betrachter, lässt ihn eintreten.

Wie klingt ein Area Composing?

Jedes Area Composing hat seinen originären Sound, der auf den Klangeigenschaften des jeweiligen Ortes beruht. Der Sound und die Komposition erzählen seine Klanggeschichte. Für die Zuhörer scheint alles aus den Formen und Farben des Liquid Image, ja aus dem Ort selbst zu entspringen. Als ob es keinen Komponisten gäbe. Man könnte auch sagen: Ein Area Composing klingt wie der Ort.

Woher weißt Du, wie ein Ort klingt?

Ich beschäftige mich mit seiner Geschichte und mit den Menschen, die dort leben und gelebt haben. Dabei entstehen erste Klangvorstellungen und Sound-Ideen und schließlich ein Klangkonzept. Mit diesen Vorstellungen ziehe ich los und mache Audio-Scans, unmittelbare Momentaufnahmen meiner Begehung. Der Ort wird zu einem großen Klangkörper, den ich erforsche und der mich mit situativen Sounds überrascht. So kommt das Unvorhergesehene ins Spiel und verwandelt mein Konzept.

Verwendest Du ausschließlich eigene Aufnahmen?

Nein, auch historische Tondokumente und Field Recordings aus Soundarchiven können mit einfließen. Sound hat ja nicht nur einen räumlichen Bezug, sondern auch einen zeitlichen. Geräusche aus der Vergangenheit können dem Area Composing eine historische Dimension hinzufügen.

Also sind hauptsächlich Geräusche zu hören?

Geräusche und Stimmen sind das Ausgangsmaterial meiner Komposition. Ich verwende sie wie Instrumente, spiele mit ihnen und vermische sie. Manche typischen Klang-Charakteristika eines Ortes sind für den Zuhörer wiederzuerkennen, zum Beispiel eine Glocke oder das Plätschern eines Baches. Diese konkreten Klangbezüge verbinde ich mit abstrakter Lautmalerei: Töne, Melodien, instrumentale Improvisationen, die sich zu harmonischen Bögen und thematischen Sektionen entwickeln und den Ort klanglich immer weiter ausdehnen. Musik.

Welche Funktion hat die Musik?

Sie gibt den Formen und Farben des Area Composing ihre Stimme, und was eine Stimme hat, lebt. Musik ermöglicht es dem Zuhörer, sich von definierten Sinneseindrücken zu lösen und in eine künstliche, abstrakte aber emotional authentische Fiktion zu begeben. Er kann sich zurücklehnen und seiner Fantasie freien Lauf lassen. Er hört, was er sieht und was er nicht sieht. Geräusche, Tondokumente, Musik – alle Klangquellen verweben sich und lassen eine Art fantastische Authentizität entstehen. Zu den Bildern des Liquid Image entstehen Bilder im Kopf: Eine subjektiv emotionale Wahrnehmung dieses Ortes.

Wie gehst Du bei der Komposition vor?

Das Arrangement orientiert sich an der Dramaturgie des Liquid Image, wobei Bild- und Soundabfolgen meist parallel entwickelt werden. Ich schaue mir die Bilder intensiv an, krieche in sie hinein, versuche sie zu hören und folge meiner Intuition. Klangkomposition und Bildkomposition ergänzen und verstärken sich. Das Ziel ist die absolute und untrennbare Einheit von Bild und Klang. Dabei ist alles erlaubt. Keine Melodie ist zu süß, kein Krach zu verletzend, keine Stille zu unerträglich. Nichts wird aufgelöst, alles bleibt geheimnisvoll.

 

Ort – Interaktion

Kehrt die Bild-Klang-Komposition zurück an den Ort, aus dem sie entstanden ist, wird das Area Composing vollkommen. Die Inszenierung verwandelt den Ort, macht ihn und das Publikum zu Mitspielern. Interaktion wird zum Erlebnis.